Plakative Meldungen über angeblichen Ärztepfusch gefährden vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis

Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt kritisiert unsachliche Berichterstattung

[Magdeburger Kurier, 17.02.2012] Jeder Mensch, der durch Komplikationen oder einen Arztfehler zu Schaden kommt, sei einer zuviel, betont die Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, Dr. Simone Heinemann-Meerz. Bei den aktuellen Meldungen über Todesfälle aufgrund von Behandlungsfehlern aber seien insbesondere jene unter dem Begriff „Pfusch“ nicht gerechtfertigt und schadeten dem Arzt-Patienten-Verhältnis, so Dr. Heinemann-Meerz. Die Darstellung, dass die Todesfälle allein auf Ärztefehler zurückzuführen seien, sei indes so nicht nachvollziehbar – von 1.712 Todesfällen sollen angeblich 944 durch Ärztefehler hervorgerufen sein. Es würden dabei auch Fälle von Abstoßungsreaktionen bei Transplantationen mitgezählt, welches eine normale physiologische Reaktion des Körpers sei; auch Todesfälle aufgrund mangelnder Hygiene könnten nicht pauschal und primär auf ärztliches Handeln zurückgeführt werden.
In Deutschland finden jährlich 560 Millionen ambulante Behandlungen statt. Hinzu kommen 17 Millionen Behandlungen in den Kliniken. Vor diesem Hintergrund relativiere sich die ohnehin viel zu hoch kalkulierte Zahl von 1.712. Keine Maßnahme sei ohne Risiko – auch nicht in der Medizin, konstatiert die Präsidentin. Die norddeutsche Schlichtungsstelle, an die sich Patienten aus Sachsen-Anhalt wenden können, könne eine Zunahme der konkret dokumentierten Todesfälle nicht feststellen. Dort sei die entsprechende Zahl in den letzten drei Jahren von 46 Todesfällen im Jahr 2009 auf 37 im Jahr 2011 gesunken. Auch wenn nicht alle Fälle zur Klärung der Schlichtungsstelle vorgelegt würden, so könne man dennoch von repräsentativen Zahlen sprechen.
Die Ärztekammer sei bemüht, alle Maßnahmen zur Fehlervermeidung zu unterstützen. Das betreffe zum Beispiel die Etablierung von Fehlermanagementsystemen in Kliniken im Rahmen von Qualitätssicherung und damit verbundener Zertifizierung. Das verpflichtende Vorhalten von Hygienefachärzten oder besonders dafür qualifizierter Ärzte sei nur eine Maßnahme – die Ärztekammer biete hierzu eine strukturierte Fortbildung an.
Aus jedem Fehler müsse man lernen, um Fehler zukünftig vermeiden zu können. Erwähnenswert sei die Tatsache, dass die Gesundheitsämter noch niemals zuvor Krankenhäuser so konsequent, gründlich und aufwändig überprüft hätten. Den moderneren und effektiveren Dokumentationsmöglichkeiten, der Zunahme von komplexen Krankheitsfällen mit multiresistenten Keimen und der verbesserten Diagnostik sollte Rechnung getragen werden, sagt Dr. Heinemann-Meerz. Zu bedenken sei auch, dass Ärzte steigenden Arbeitsbelastungen durch zu geringe Arztdichte im ambulanten und stationären Bereich ausgesetzt seien – die Patienten sollten daran aber auch erkennen, dass weitere Sparmaßnahmen und Kostendämpfungen im Gesundheitswesen auf Kosten der Patientengesundheit gehen könnten.

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